Sylter Dünenwolle im Interview mit greensylt.de

Freilaufende Schafe im Naturschutzgebiet, regionale Wertschöpfung und echte Kreislaufwirtschaft: Was nach einer romantischen Sylt-Story klingt, ist in Wahrheit ein radikal nachhaltiges Geschäftsmodell. Auf dem Ellenbogen – dem nördlichsten Punkt Deutschlands – lebt eine der wenigen Schafherden, die ganzjährig in nahezu kompletter Freiheit unterwegs ist. Doch während die Tiere Wind, Regen und Sonne trotzen, galt ihre Wolle lange als wertloses Nebenprodukt. Dieses Interview zeigt, wie aus genau diesem Problem hochwertige Bettdecken und Kopfkissen entstehen – gefertigt aus Sylter Dünenwolle, chemiefrei verarbeitet, bio-zertifiziert und vollständig recyclebar.

Wir sprechen über:

  • die besonderen Eigenschaften naturbelassener Schafwolle mit Lanolin
  • regionale Wertschöpfung und transparente Lieferketten
  • echte Kreislaufwirtschaft (Cradle to Cradle)
  • CO₂-neutralen Versand und soziale Verantwortung
  • und warum guter Schlaf manchmal ganz einfach nach Sylt schmeckt

Ein Gespräch über Tierwohl, nachhaltige Materialien, langlebige Manufakturqualität – und darüber, wie aus norddeutscher Schafwolle ein Produkt entsteht, das 20 Jahre hält und am Ende sogar den Garten düngen kann. Nachhaltiger schlafen war selten so konsequent gedacht.

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greensylt.de: Sie arbeiten mit Wolle aus der freilaufenden Schafherde vom Ellenbogen (Sylt) im Naturschutzgebiet – wie kam dieser Bezug zustande und warum war Ihnen gerade diese Region wichtig?

DENNIS BERGMANN (Gründer): Die Idee zu Sylter Dünenwolle ist tatsächlich bei einem Spaziergang entstanden. Wir waren im Mai auf dem Ellenbogen unterwegs und haben die ungeschorenen Schafe gesehen. Da wir selbst Schafe halten, kennen wir die Realität ziemlich gut: Für Wolle gibt es kaum noch Geld, funktionierende Weiterverarbeitung ist in Deutschland fast verschwunden, und für viele Schafhalter ist die Wolle eher ein Problem als ein Wertstoff. Gleichzeitig sind wir Schafen sehr verbunden – umso mehr hat uns diese Herde beeindruckt. Die Schafe auf dem Ellenbogen gehören zu den wenigen Herden in Deutschland, die wirklich in kompletter Freiheit leben können. Das ist etwas sehr Besonderes. Uns begeistert an dem Projekt, dass wir dem Schafhalter ganz konkret ein Problem lösen konnten: Die Wolle bekommt wieder einen Wert. Und daraus entstehen Produkte, die Menschen zu gutem Schlaf verhelfen – während man gleichzeitig sieht, wie gut es den Schafen geht. Das fühlt sich einfach richtig an.

Welche besonderen Eigenschaften der Sylter Dünenwolle nutzen Sie für Ihre Bettdecken und Kopfkissen – und wodurch unterscheiden sich Ihre Produkte von „gewöhnlicher“ Schafwolle?

Wolle ist ein extrem unterschätzter Rohstoff. Ganz ehrlich: In ihren physikalischen Eigenschaften unterscheidet sich Sylter Wolle nicht fundamental von anderer guter Schafwolle. Aber genau das ist eigentlich der Punkt. Was für uns entscheidend ist, ist der Umgang mit der Wolle. Wir achten sehr darauf, dass sie nicht chemisch, sondern ausschließlich physikalisch gereinigt wird. Dadurch ist die Wolle sauber, behält aber ihren natürlichen Lanolin-Anteil. Und genau dieses Wollfett ist verantwortlich für viele der positiven Eigenschaften von Wolle: Sie wirkt temperaturausgleichend, feuchtigkeitsregulierend und ist von Natur aus selbstreinigend. Dass die Schafe auf dem Ellenbogen mit ihrer Wolle allen vier Jahreszeiten trotzen – Wind, Regen, Kälte und Sonne – zeigt, wie vielseitig dieser Rohstoff ist. Genau diese Eigenschaften sorgen auch bei unseren Bettdecken für ein besonders gutes Schlafklima. Unsere Bettdecken schaffen dieses Gefühl, das viele vom Urlaub kennen: Man schläft tief, ruhig und ausgeglichen – so wie auf Sylt.

Auf Ihrer Webseite schreiben Sie: „Nachhaltig … Sylter Dünenwolle ist nach den Kriterien von LebensWert zertifiziert …“ – wie definieren Sie Nachhaltigkeit konkret bei Ihren Produkten und Prozessen?

Nachhaltigkeit heißt für uns auch, Dinge zu Ende zu denken. Unsere Wolle wird nicht chemisch behandelt und wir nutzen Bio-Baumwolle um die Decken zu versteppen. Dadurch sind unsere Produkte vollständig recyclebar. Nach etwa 20 bis 25 Jahren, wenn es Zeit für eine neue Decke ist, kann man die Füllung herausnehmen und zum Beispiel ganz einfach als Dünger im eigenen Garten nutzen – echtes Cradle to Cradle. Gleichzeitig gehört für uns auch soziale Nachhaltigkeit dazu. Mit dem Verkauf jeder Bettdecke spenden wir 10 Euro an das Winternotprogramm von Hanseatic Help. Nachhaltigkeit hört für uns nicht beim Produkt auf, sondern schließt gesellschaftliche Verantwortung mit ein.

Wie stellen Sie sicher, dass das Herkunfts-, Herstellungs- und Lieferkettensystem Ihrer Wolle und Fertigung transparent, ethisch und ökologisch verantwortbar bleibt?

Transparenz entsteht bei uns vor allem durch Nähe und Überschaubarkeit. Wir arbeiten ausschließlich mit der Wolle der freilaufenden Schafherde vom Ellenbogen und kennen die Bedingungen vor Ort sehr genau. Die Schafe leben ganzjährig draußen, bewegen sich frei im Naturschutzgebiet und übernehmen durch ihre Beweidung eine wichtige Rolle im Erhalt der Dünenlandschaft. Diese Form der Haltung ist für uns ein zentraler Bestandteil der Nachhaltigkeit unseres Produkts. Auch in der Weiterverarbeitung bleibt alles klar nachvollziehbar. Wir bringen die Wolle persönlich in die Wäscherei, holen sie dort wieder ab und geben sie anschließend an die Bettenmacherei weiter. Seit Kurzem geht ein Teil der Wolle zusätzlich in unsere Weberei, wo daraus Wolldecken entstehen. Jeder Verarbeitungsschritt ist bekannt, jeder Partner bewusst gewählt. Es gibt keine anonymen Zwischenstufen und keine langen, undurchsichtigen Lieferketten. So können wir sicherstellen, dass Herkunft, Tierwohl, Verarbeitung und Produktqualität jederzeit zusammenpassen – und genau das ist für uns verantwortungsvolles Wirtschaften.

Inwieweit beeinflusst die Nachhaltigkeit Ihrer Produkte die Wahl der Materialien, Verpackung oder den Versand – und welche Maßnahmen haben Sie bereits implementiert oder planen Sie noch?

Bei jeder Entscheidung für und gegen von uns genutzten Materialien ist Nachhaltigkeit eine Priorität. Die Baumwolle für unsere Decken und Kopfkissen ist bio-zertifiziert und ungebleicht. Die Schafhaltung selbst ist ebenfalls bio-zertifiziert – und ganz nebenbei leisten die Schafe durch ihre Beweidung aktiven Naturschutz auf dem Ellenbogen. Unsere Wolldecken werden natürlich gefärbt, in Portugal gewebt und in Handarbeit verarbeitet. Der Versand unserer Produkte erfolgt CO₂-neutral und mit möglichst wenig Verpackung. Gleichzeitig sind Bettdecken und Kopfkissen Hygieneprodukte und müssen entsprechend verpackt werden. Dafür nutzen wir Beutel aus recycelten Materialien – für uns ein guter Kompromiss aus Hygiene und Verantwortung.

Ihre Produkte haben offenbar langlebige Qualitäten („hochwertige Materialien und norddeutsche Manufakturqualität“) – wie verstehen Sie Produktlebenszyklus und Reparierbarkeit in Ihrem Angebot?

Unsere Bettdecken und Kopfkissen sind auf eine sehr lange Nutzung ausgelegt. Die Art der Versteppung sorgt dafür, dass die Wolle nicht verrutscht und die Decken dauerhaft formstabil bleiben. Auch die verwendete Baumwolle ist hochwertig und robust – alles ist darauf ausgelegt, viele Jahre Freude zu machen. Ein wichtiger Punkt ist die Pflegeleichtigkeit. Wolle muss kaum gewaschen werden. Durch den natürlichen Lanolin-Anteil wirkt sie selbstreinigend, nimmt wenig Gerüche an und kann bei feuchter Witterung einfach ausgelüftet werden. Das schont nicht nur das Material, sondern macht die Produkte im Alltag besonders langlebig und unkompliziert für die Endverbraucher.

Wolle ist außerdem ein echter nachwachsender Rohstoff – sie wächst jedes Jahr neu nach. Für uns ist es deshalb wichtig, diesen Rohstoff möglichst lange in seiner besten Form zu nutzen. Die Verwendung der Wolle als Dünger sehen wir nicht als frühen Recyclingweg, sondern als letzten Schritt. Erst nachdem man 20 Jahre oder länger unter einer Bettdecke geschlafen hat, kann die Wolle in einen neuen Kreislauf zurückgeführt werden. So entsteht ein sehr bewusster Produktlebenszyklus: lange Nutzung, wenig Pflegeaufwand und am Ende eine sinnvolle, natürliche Weiterverwendung.

Welche Rolle spielen regionale Wertschöpfung und lokale Produktion für Sie – und wie tragen sie zur Nachhaltigkeit bei?

Regionale Wertschöpfung ist der eigentliche Kern von Sylter Dünenwolle. Ohne sie gäbe es dieses Projekt nicht. Uns war von Anfang an wichtig, dass regionale Rohstoffe wie die Wolle vom Sylter Ellenbogen wieder einen echten Wert bekommen – nicht als Abfallprodukt, sondern als hochwertiger Ausgangsstoff. Gleichzeitig geht es darum, bestehende handwerkliche Strukturen zu erhalten. Betriebe wie die Bettenmacherei stehen für Wissen, Erfahrung und Qualität, die über Generationen gewachsen sind. Diese Arbeit möchten wir sichtbar machen und langfristig sichern. Durch kurze Wege, persönliche Zusammenarbeit und klare Verantwortlichkeiten entsteht nicht nur ein nachhaltiges Produkt, sondern auch eine faire, stabile Wertschöpfung für alle Beteiligten. Für uns ist das gelebte Nachhaltigkeit: regional verwurzelt, transparent und auf Dauer gedacht.

Blick in die Zukunft: Wie sehen Ihre Pläne aus, um Ihr Angebot weiter nachhaltiger zu gestalten – sei es im Bereich Materialinnovationen, Kreislaufwirtschaft oder im Engagement für Umwelt und Gesellschaft?

Unser Ansatz ist es, nicht ständig Neues zu produzieren, sondern das Bestehende konsequent weiterzudenken. Bei den Materialien heißt das vor allem: die natürlichen Eigenschaften der Wolle bewahren, ohne chemische Eingriffe, und Produkte schaffen, die möglichst lange genutzt werden können. Kreislaufwirtschaft verstehen wir sehr langfristig. Unsere Bettdecken sollen viele Jahrzehnte im Einsatz sein. Erst am Ende dieses Lebenszyklus wird die Wolle in einen neuen Kreislauf zurückgeführt – zum Beispiel als natürlicher Dünger. Auch gesellschaftliches Engagement gehört für uns dazu. Mit jeder verkauften Bettdecke unterstützen wir das Winternotprogramm von Hanseatic Help. Gleichzeitig möchten wir Bewusstsein schaffen für den Wert von Schafwolle, für tiergerechte Haltung und für regionale Rohstoffe.

Langfristig ist unser wichtigstes Ziel, die gesamte Wolle des Schafhalters jedes Jahr abnehmen zu können und so faire, verlässliche Strukturen zu sichern. Nachhaltigkeit bedeutet für uns Verantwortung – gegenüber Tieren, Umwelt und Menschen.

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Verfasst von

Marcus Noack

Ich bin Unternehmer und Journalist.
Nach einer Ausbildung zum Bürokaufmann und einem Job in der Öffentlichkeitsarbeit der IHK Berlin habe ich internationale BWL im schönen Valencia, Spanien studiert. Vorher lebte und arbeitete ich als Bürokaufmann ein Jahr im Norden von Spanien, in San Sebastian.

Seit 2006 entwickle und betreibe ich verschiedene Internetportale, hauptsächlich zu nachhaltigen Themen.

2010 habe ich das grüne Karriereportal JOBVERDE und die nachhaltige Produkt- und Unternehmenssuche LifeVERDE gegründet.

Meine Leidenschaft ist es, über Themen zu schreiben, die die Welt positiv beeinflussen: Natur, Sport, Wirtschaft und Gesellschaft sind dabei meine Haupt-Themen.

Ich freue mich, wenn wir uns auf GreenSYLT zu nachhaltigen Angebote und der Insel austauschen.